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Warum entsteht Verstopfung bei Lipödem und wie lässt sie sich steuern?

Prof.Dr. Mustafa SAÇAR

Patientinnen mit Lipödem beschreiben Verstopfung oft einfach als nicht auf die Toilette können. Medizinisch ist das Bild breiter: langsamer Darmtransport, harter Stuhl, Pressen, unvollständige Entleerung, Bauchblähung und Schwere nach dem Essen können zusammen auftreten. Lipödem ist keine Darmerkrankung. Schmerzen, weniger Bewegung, Ernährungsumstellung, Stress, Wasser-Elektrolyt-Balance und die Darmmikrobiota können den Darmrhythmus trotzdem beeinflussen.

Mikrobiota bedeutet die Gemeinschaft aus Bakterien, Pilzen und anderen Mikroorganismen im Darm. Direkte Forschung zur Darmmikrobiota beim Lipödem ist noch neu. Eine Pilotstudie von Di Renzo und Kollegen zeigt, dass dieses Thema weiter untersucht werden sollte; sie beweist aber nicht, dass Mikrobiota die einzige Ursache der Verstopfung ist (Di Renzo et al., 2025). Mehr dazu steht in Lipödem und Darmgesundheit.

Wie entsteht Verstopfung im Darm?

Verdauung und Ausscheidung funktionieren wie ein koordiniertes Bewegungssystem. Im Dickdarm wird dem Stuhl Wasser entzogen. Wenn der Transport zu langsam ist, bleibt der Stuhl länger im Darm, verliert mehr Wasser und wird hart. Dann wird der Stuhlgang seltener, anstrengender oder fühlt sich unvollständig an.

Darmbewegung wird durch Nervensystem, Darmmuskeln, Hormone, Gallensäuren, kurzkettige Fettsäuren, Ballaststoffe, Wasser und Mikrobiota beeinflusst. Aktuelle Übersichten zu chronischer Verstopfung und Mikrobiota beschreiben, dass Veränderungen der Mikrobiota bei manchen Menschen mit Transitzeit, Stuhlkonsistenz und Gasbildung verbunden sein können (Xu et al., 2024). Auch umgekehrt kann langsamer Transit die Mikrobiota verändern.

Warum fällt Verstopfung bei Lipödem stärker auf?

Schmerzen, Schweregefühl und Sorge vor mehr Beschwerden können die tägliche Aktivität reduzieren. Weniger Bewegung kann auch die Darmmotilität verlangsamen. Schon sanftes Gehen, Übungen im Wasser oder leichtes Krafttraining können den Muskelpumpeneffekt und den Darmrhythmus unterstützen. Dazu passt Lipödem Übungen.

Ein häufiger Auslöser ist die Ernährungsumstellung. Low-Carb oder ketogene Ernährung können manchen Patientinnen bei Appetit, Blutzucker und Beschwerden helfen. Werden sie aber nicht gut geplant, sinken Ballaststoffe, Wasser und Elektrolyte. Ballaststoffe geben dem Stuhl Volumen und werden teilweise von Darmbakterien fermentiert. Deshalb sollte Keto und Low-Carb Ernährung immer mit Gemüse, Wasser, Salz, Magnesium und persönlicher Verträglichkeit geplant werden.

Mikrobiota, Entzündung und Verstopfung

Die Darmmikrobiota kann Ballaststoffe fermentieren und kurzkettige Fettsäuren bilden. Das sind kleine Stoffwechselprodukte. Sie können Darmbarriere, Immunantwort und Darmbewegung beeinflussen. Metabolomik-Übersichten zur funktionellen Verstopfung beschreiben Zusammenhänge zwischen kurzkettigen Fettsäuren, Gallensäurestoffwechsel, Motilität und Entzündung (Zheng et al., 2025).

Entzündung sollte hier vorsichtig erklärt werden. Verstopfung ist nicht die Ursache des Lipödems, und Lipödem verursacht nicht automatisch bei jeder Patientin Verstopfung. Dennoch können Darmdurchlässigkeit, Mikrobiotaverschiebung, Blähungen, Insulinresistenz, Stress und schlechter Schlaf in derselben Person zusammentreffen.

Wasser, Elektrolyte und Magnesium

Mehr Wasser allein löst Verstopfung nicht immer, aber zu wenig Flüssigkeit kann sie verschlechtern. Zu Beginn einer kohlenhydratarmen Ernährung verliert der Körper oft mehr Wasser und Natrium. Elektrolyte wie Natrium, Kalium und Magnesium unterstützen Nerven und Muskeln. Auch die Darmmuskulatur gehört dazu.

Magnesium kann bei ausgewählten Patientinnen den Stuhl weicher machen. Bei Nierenerkrankung, Durchfallneigung oder mehreren Medikamenten sollte es nicht unkontrolliert verwendet werden. Leitlinien zu chronischer Verstopfung bewerten Ballaststoffe, osmotische Abführmittel und Medikamente nach Evidenz; anhaltende Verstopfung sollte daher ärztlich begleitet werden (Chang et al., 2023). Ergänzungen werden in Nahrungsergänzungen bei Lipödem erklärt.

Praktisches Vorgehen

Zuerst sollte geklärt werden, wann die Verstopfung begonnen hat. Neue Ernährung, Eisen, Schmerzmittel, Antidepressiva, Kalzium oder eine Phase mit wenig Bewegung können Hinweise geben. Stuhlhäufigkeit, Härte, Pressen, Bauchschmerz, Blähung und unvollständige Entleerung können für einige Wochen beobachtet werden.

Der erste Plan besteht meist aus mehr ballaststoffreichem Gemüse, ausreichend Protein, nicht zu wenig gesunden Fetten, Wasser über den Tag verteilt, Salz-Elektrolyt-Balance und sanfter Bewegung. Fermentierte Lebensmittel und Probiotika können helfen, müssen aber nicht. Bei mehr Blähung sollten Art, Dosis und Zeitpunkt überprüft werden. Ernährung wird in Ernährung bei Lipödem und Ernährungstipps bei Lipödem erklärt.

Wann ärztlich abklären?

Neue oder zunehmende Verstopfung, Blut im Stuhl, unerklärter Gewichtsverlust, Anämie, Fieber, nächtliche Bauchschmerzen, Erbrechen, starke Bauchschwellung oder eine deutliche Änderung der Stuhlgewohnheiten sollten ärztlich beurteilt werden. Neue Verstopfung nach dem 50. Lebensjahr sollte besonders ernst genommen werden.

Bei Lipödem lässt sich Verstopfung oft durch Ernährung, Bewegung, Flüssigkeit und Routine verbessern. Trotzdem sollte nicht alles dem Lipödemprogramm zugeschrieben werden. Schilddrüsenunterfunktion, Diabetes, neurologische Erkrankungen, Medikamente und Darmerkrankungen können eine Rolle spielen. Zur Abgrenzung von Gewichtsthemen siehe Lipödem oder Adipositas.

Kurz zusammengefasst

Verstopfung bei Lipödem hat meist mehrere Ursachen: Schmerzen und weniger Bewegung, schnelle Umstellung auf Low-Carb, wenig Ballaststoffe, Wasser-Elektrolyt-Ungleichgewicht, Stress, Schlafprobleme, Medikamente und Mikrobiotaveränderungen können zusammenwirken. Der Darmrhythmus sollte als kleiner, aber sinnvoller Teil der Lipödemversorgung gesehen werden.

8.5.2026
8.5.2026
Mustafa SAÇAR
Prof.Dr. Mustafa SAÇARKalp ve Damar Cerrahisi UzmanıÖzel Cerrahi Hastanesi, Denizli, TURKEY

Literaturverzeichnis

  1. Di Renzo, L., Frank, G., Pala, B., Cianci, R., De Santis, G. L., Nicoletti, F., Bigioni, G., Ortoman, M., Borro, M., Simmaco, M., Peluso, D., De Lorenzo, A., & Gualtieri, P. (2025). Characterization of gut microbiota profile in lipedema: A pilot study. Nutrients, 17(24), 3909. [https://doi.org/10.3390/nu17243909](https://doi.org/10.3390/nu17243909)https://doi.org/10.3390/nu17243909PMID: 41470854
  2. Xu, X., Wang, Y., Long, Y., & Cheng, Y. (2024). Chronic constipation and gut microbiota: Current research insights and therapeutic implications. Postgraduate Medical Journal, 100(1190), 890-897. [https://doi.org/10.1093/postmj/qgae112](https://doi.org/10.1093/postmj/qgae112)https://doi.org/10.1093/postmj/qgae112PMID: 39237119
  3. Zheng, F., Yang, Y., Lu, G., Tan, J. S., Mageswary, U., Zhan, Y., Ayad, M. E., Lee, Y.-Y., & Xie, D. (2025). Metabolomics insights into gut microbiota and functional constipation. Metabolites, 15(4), 269. [https://doi.org/10.3390/metabo15040269](https://doi.org/10.3390/metabo15040269)https://doi.org/10.3390/metabo15040269PMID: 40278398
  4. Chang, L., Chey, W. D., Imdad, A., Almario, C. V., Bharucha, A. E., Diem, S., Greer, K. B., Hanson, B., Harris, L. A., Ko, C., Murad, M. H., Patel, A., Shah, E. D., Lembo, A. J., & Sultan, S. (2023). American Gastroenterological Association-American College of Gastroenterology Clinical Practice Guideline: Pharmacological management of chronic idiopathic constipation. Gastroenterology, 164(7), 1086-1106. [https://doi.org/10.1053/j.gastro.2023.03.214](https://doi.org/10.1053/j.gastro.2023.03.214)https://doi.org/10.1053/j.gastro.2023.03.214PMID: 37211380

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