LipedemaCare

Wie lässt sich emotionales Essen bei Lipödem bewältigen?

Prof.Dr. Mustafa SAÇAR

Emotionales Essen bei Lipödem ist keine einfache Frage der Disziplin. Viele Patientinnen leben mit Schmerzen, schweren Beinen, wiederholten Diäterfahrungen, Körperbilddruck und dem Gefühl, nicht verstanden zu werden. Essen kann dann kurzfristig beruhigen, obwohl kein echter körperlicher Hunger besteht. Lipödem wird heute als chronische Erkrankung verstanden, die eine mehrdimensionale Betreuung braucht; die seelische Belastung gehört dazu (Herbst et al., 2021).

Die Datenlage ist noch begrenzt, aber wichtige Hinweise liegen vor. Frauen mit Lipödem zeigten in einer Studie mehr Schwierigkeiten in der Emotionsregulation und höhere Angstwerte (Al-Wardat et al., 2022). Weitere aktuelle Arbeiten berichten über geringere Lebensqualität, depressive Symptomlast und erhöhte Screening-Hinweise auf gestörtes Essverhalten bei einem Teil der Patientinnen (Kunzová et al., 2025; Kunzová et al., 2026). psychologische Auswirkungen des Lipödems gehört deshalb logisch zu diesem Thema.

Emotionaler Hunger und körperlicher Hunger

Körperlicher Hunger entwickelt sich langsam und lässt sich durch verschiedene Lebensmittel stillen. Emotionaler Hunger kommt oft plötzlich, richtet sich auf bestimmte Speisen und hinterlässt häufig Schuldgefühle. Bei Lipödem ist die Unterscheidung schwieriger, weil Schmerzen, Schlafmangel, lange Esspausen und zu wenig Protein den Körper wirklich hungrig machen können. Ernährung bei Lipödem schafft hier die stabilere Basis.

Warum der Kreislauf stärker wird

Typisch ist der Ablauf: strenge Einschränkung, Kontrollverlust, Schuldgefühl und am nächsten Tag noch strengere Regeln. Diese Dynamik kann Heißhunger verstärken. Allgemeine Literatur verbindet emotionales Essen mit psychischem Stress, depressiven Symptomen, Angst oder Stress und ungünstigen Ernährungsmustern (Dakanalis et al., 2023). Beim Lipödem kommen Schmerz, Stigmatisierung und diätresistente Beinveränderungen hinzu; Lipödem oder Adipositas hilft, diese Schuldzuschreibung zu korrigieren.

Hedonischer Hunger und Mahlzeitenstruktur

Hedonischer Hunger beschreibt Essen aus Belohnung und Verlangen, nicht aus Energiebedarf. Bei Frauen mit Lipödem und Adipositas zeigte eine Low-Carb-Ernährung in einer Sekundäranalyse günstigere Veränderungen einiger Messwerte zu hedonischem Hunger und Essverhalten als eine isokalorische fettarme Ernährung (Lundanes et al., 2025). Das ist kein Standardrezept für jede Patientin, zeigt aber, dass Sättigung, Protein, Fettqualität und Kohlenhydratmenge sorgfältig geplant werden sollten. Keto und Low-Carb Ernährung ist dann ein medizinisches Werkzeug, keine Strafe.

Ausreichend Protein und geeignete Fettquellen können die Abendanfälligkeit senken. Wer mittags kaum isst oder den Tag nur mit Kaffee übersteht, erlebt abends oft stärkere Impulse. Fett- und Proteinzufuhr bei Lipödem verbindet diesen Punkt mit Sättigung, Muskelerhalt und Stoffwechselstabilität.

Ein praktischer Pausenplan

Das Ziel ist nicht, jeden Wunsch zu löschen. Wichtig ist eine kleine Pause zwischen Impuls und Handlung: Bin ich körperlich hungrig? Welche Emotion möchte ich gerade dämpfen? Wie werde ich mich nach 20 Minuten fühlen? Bei echtem Hunger kann eine geplante Protein-Fett-Option sinnvoll sein. Bei emotionalem Druck helfen manchmal zehn Minuten Gehen, Atmung, Tee, Duschen oder das Aufschreiben des Auslösers.

Bewegung sollte keine Strafe sein. Sanftes Gehen, Wassertraining, niedrig dosierte Kraftübungen und Atmung können Stress und Körpervertrauen unterstützen. Lipödem Übungen ist deshalb auch für Emotionsregulation relevant. Wenn Schmerz der Auslöser ist, ordnet Lipödem-Schmerzen die Gewebeempfindlichkeit genauer ein.

Wann professionelle Hilfe nötig ist

Bei Kontrollverlust, heimlichem Essen, Erbrechen, Abführmitteln, übermäßigem Training, starker Restriktion, intensiver Schuld, depressiven Symptomen oder Selbstverletzungsgedanken sollte psychologische oder psychiatrische Unterstützung einbezogen werden. Systematische Übersichten zeigen, dass kognitiv-verhaltenstherapeutische, achtsamkeitsbasierte und selbstbeobachtende Ansätze helfen können; die meisten Daten stammen jedoch nicht direkt aus Lipödemstudien (Smith et al., 2023).

Fazit

Emotionales Essen bei Lipödem wird besser durch Beobachtung als durch Scham gesteuert. Stabile Mahlzeiten, realistische Regeln, Triggerprotokolle, eine sichere häusliche Umgebung, sanfte Bewegung und bei Bedarf professionelle Unterstützung machen den Prozess tragfähiger.

9.5.2026
9.5.2026
Mustafa SAÇAR
Prof.Dr. Mustafa SAÇARKalp ve Damar Cerrahisi UzmanıÖzel Cerrahi Hastanesi, Denizli, TURKEY

Literaturverzeichnis

  1. Herbst, K. L., Kahn, L. A., Iker, E., Ehrlich, C., Wright, T., McHutchison, L., Schwartz, J., Sleigh, M., Donahue, P. M. C., Lisson, K. H., Faris, T., Miller, J., Lontok, E., Schwartz, M. S., Dean, S. M., Bartholomew, J. R., Armour, P., Correa-Perez, M., Pennings, N., Wallace, E. L., & Larson, E. (2021). Standard of care for lipedema in the United States. Phlebology, 36(10), 779-796. https://doi.org/10.1177/02683555211015887https://doi.org/10.1177/02683555211015887PMID: 34049453
  2. Al-Wardat, M., Clarke, C., Alwardat, N., Kassab, M., Salimei, C., Gualtieri, P., Speciani, A. F., & De Lorenzo, A. (2022). The difficulties in emotional regulation among a cohort of females with lipedema. International Journal of Environmental Research and Public Health, 19(20), 13679. https://doi.org/10.3390/ijerph192013679https://doi.org/10.3390/ijerph192013679PMID: 36294260
  3. Kunzová, M., Lagová, E., & Keith, L. (2026). Disordered eating risk and well-being in women with lipedema. Frontiers in Global Women's Health, 7, 1720708. https://doi.org/10.3389/fgwh.2026.1720708https://doi.org/10.3389/fgwh.2026.1720708PMID: 41767758
  4. Kunzová, M. K., Lagová, E. L., & Keith, L. K. (2025). Mental and physical health burden and quality of life in Czech women with lipedema. Frontiers in Global Women's Health, 6, 1629077. https://doi.org/10.3389/fgwh.2025.1629077https://doi.org/10.3389/fgwh.2025.1629077
  5. Dakanalis, A., Mentzelou, M., Papadopoulou, S. K., Papandreou, D., Spanoudaki, M., Vasios, G. K., Pavlidou, E., Mantzorou, M., & Giaginis, C. (2023). The association of emotional eating with overweight/obesity, depression, anxiety/stress, and dietary patterns: A review of the current clinical evidence. Nutrients, 15(5), 1173. https://doi.org/10.3390/nu15051173https://doi.org/10.3390/nu15051173PMID: 36904172
  6. Lundanes, J., Naustvoll, T. G., Tangvik, R. J., Martins, C., & Nymo, S. (2025). Hedonic hunger and eating behavior after low-carbohydrate versus low-fat diets in females with lipedema and obesity. Frontiers in Nutrition, 12, 1716592. https://doi.org/10.3389/fnut.2025.1716592https://doi.org/10.3389/fnut.2025.1716592PMID: 41479665
  7. Smith, J., Ang, X. Q., Giles, E. L., & Traviss-Turner, G. (2023). Emotional eating interventions for adults living with overweight or obesity: A systematic review and meta-analysis. International Journal of Environmental Research and Public Health, 20(3), 2722. https://doi.org/10.3390/ijerph20032722https://doi.org/10.3390/ijerph20032722PMID: 36768088

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