LipedemaCare

Fett- und Proteinzufuhr bei Lipödem

Prof.Dr. Mustafa SAÇAR

Viele Patientinnen mit Lipödem fragen: Soll ich Fett reduzieren oder mehr Protein essen? Die Antwort ist nicht nur eine Kalorienfrage. Ziel ist nicht, den Körper auszuhungern, jedes Fett zu meiden oder jede Mahlzeit in trockenes Hähnchen zu verwandeln. Sinnvoller ist eine Ernährung, die Blutzucker- und Insulinschwankungen reduziert, Entzündungsreize dämpft, Muskulatur schützt und im Alltag durchhaltbar bleibt.

Aktuelle Empfehlungen sehen Ernährung nicht als Heilung des Lipödems. Sie kann aber Blutzucker, Insulin, Entzündung, Gewicht, Schmerzempfinden und Lebensqualität beeinflussen (Faerber et al., 2024; Herbst et al., 2021). Gesunde Fette und ausreichend Protein ersetzen keine Behandlung, gehören aber zur Ernährungsbasis eines guten Plans. Mehr dazu steht unter Ernährung bei Lipödem.

Was bedeutet saubere Energie?

Saubere Energie meint keine Wundernahrung. Gemeint sind Lebensmittel, die Energie liefern, ohne starke Glukosespitzen auszulösen, länger sättigen und weniger zu einem entzündungsfördernden Muster beitragen. Olivenöl, Avocado, Walnüsse, Mandeln, Eier, Fisch, Fleisch, Geflügel, Joghurt, Kefir und Gemüse können deshalb gemeinsam auf einem Teller stehen.

Kohlenhydrate müssen nicht bei jeder Patientin verboten werden. Weißbrot, Süßgetränke, häufiges Snacken und Süßigkeiten können aber Glukose und Insulin schnell ansteigen lassen. Insulin fördert Fettspeicherung und kann bei manchen Patientinnen das Gefühl von Wassereinlagerung verstärken. Die S2k-Leitlinie empfiehlt, Patientinnen über Essgewohnheiten zu informieren, die Blutzucker, Insulin und Entzündungsprozesse beeinflussen (Faerber et al., 2024). Zu Keto und Low Carb: Keto und Low-Carb Ernährung.

Warum gesundes Fett kein Feind ist

Fett macht vielen Angst, weil fettarme Diäten lange als Standard galten. Der Körper braucht Fett aber für Zellmembranen, Hormone, Gallenfluss, die Aufnahme fettlöslicher Vitamine und anhaltende Sättigung. Entscheidend sind Art, Menge, Kombination mit Kohlenhydraten und die gesamte Energiebilanz.

Lachs mit Olivenöl und grünem Gemüse ist nicht dasselbe wie Pommes mit verarbeitetem Fleisch. Beides enthält Fett, aber die Stoffwechselsignale sind verschieden. Omega-3-Fettsäuren, besonders EPA und DHA, können an Prozessen beteiligt sein, die Entzündungsaktivität begrenzen und die Auflösung von Entzündung unterstützen (Calder, 2017). Deshalb werden Fisch, Olivenöl, Avocado, Walnüsse und Leinsamen bei anti-entzündlicher Ernährung häufig erwähnt.

Wie anti-entzündliche Fette wirken können

Zellmembranen sind lebendige Strukturen, die Signale empfangen und senden. Ein Teil der aufgenommenen Fette wird in diese Membranen eingebaut. Eine Ernährung mit Transfetten, stark verarbeiteten Fetten und viel Zucker kann die Signallage ungünstig verändern. Einfach ungesättigte Fette aus Olivenöl, Omega-3 aus Fisch und natürliche Fette aus Nüssen können ein ruhigeres metabolisches Umfeld unterstützen.

Die Studienlage speziell zum Lipödem ist noch begrenzt. Dennoch zeigen Low-Carb- und fettreichere Ernährungsformen bei einigen Patientinnen Verbesserungen von Schmerzen, Umfangsmaßen und Lebensqualität. Jeziorek et al. (2022) beschrieben Vorteile einer Low-Carb-High-Fat-Ernährung für Körperzusammensetzung und Beinmaße. Sørlie et al. (2022) berichteten in einer ketogenen Pilotstudie weniger Schmerz und bessere Lebensqualität. Lundanes et al. (2024a) fanden in einer randomisierten Studie, dass eine energiereduzierte Low-Carb-Ernährung bei Schmerzen günstiger sein kann als eine Kontrolldiät.

Protein ist nicht nur für Muskeln im Fitnessstudio

Protein besteht aus Aminosäuren. Diese Bausteine werden für Muskeln, Enzyme, Immunsystem, Blutproteine, Haut und Bindegewebe gebraucht. Beim Lipödem ist Muskelerhalt nicht nur ästhetisch. Er beeinflusst Beinkraft, Gelenkbelastung, Gehfähigkeit und Belastbarkeit.

Muskelgewebe unterstützt auch die Glukosekontrolle. Wenn Muskeln erhalten bleiben, werden Gehen, Krafttraining und Alltagsbewegung wertvoller. Übungen bei Lipödem sollen nicht bestrafen, sondern die Muskelpumpe aktivieren. Der Plan in Lipödem Übungen passt daher gut zu ausreichender Proteinzufuhr.

Was passiert bei zu wenig Protein?

Sehr kalorienarme und proteinarme Diäten können die Waage rasch senken. Ein Teil davon kann aber Wasser und Muskelmasse sein. Mit Muskelverlust steigen Müdigkeit, geringere Belastbarkeit, eventuell niedrigerer Grundumsatz und mehr Gelenkgefühl.

Lundanes et al. (2024b) berichteten, dass eine Low-Carb-Diät subkutanes Fettgewebe und Schmerz am Unterschenkel reduzieren kann, während in beiden Diätgruppen auch Muskelareal abnahm. Genau deshalb darf Protein nicht vergessen werden. Bei aktiven Menschen und in Phasen der Energiereduktion sollte die Proteinzufuhr individuell geplant werden (Jäger et al., 2017).

Der praktische Teller

Ein einfacher Teller besteht aus vier Teilen: Protein wie Eier, Fisch, Huhn, Pute, Fleisch, Joghurt oder Kefir; gesundes Fett wie Olivenöl, Avocado, Nüsse, Tahin oder Fischfett; ballaststoffreiches Gemüse wie Rucola, Zucchini, Brokkoli, Blumenkohl, Gurke oder Kohl; und ein Kohlenhydratanteil, der je nach Patientin angepasst wird.

Bei Insulinresistenz kann dieses Modell helfen. Mit Protein und Gemüse zu beginnen, Fett maßvoll zu ergänzen und schnelle Kohlenhydrate zu begrenzen, kann Glukosespitzen abflachen. Es zeigt auch, dass es nicht nur um Gewicht geht. Der Unterschied zu Adipositas wird in Lipödem oder Adipositas erklärt.

Beispielmenüs

Ketogener orientierter Tag

  • Spätes Frühstück: Omelett aus zwei Eiern, grüner Salat mit Olivenöl, halbe Avocado.
  • Mittag: Gegrillter Lachs, Zucchini, Portulaksalat mit Olivenöl.
  • Abend: Putenfrikadellen, Blumenkohlpüree, Gurken-Dill-Joghurt.

Die Energie kommt hier vor allem aus Fett und Protein. Lachs liefert Omega-3, Eier hochwertiges Protein, Avocado und Olivenöl verlängern die Sättigung. Joghurt kann bei passenden Patientinnen Protein und Darmtoleranz unterstützen. Siehe Lipödem und Darmgesundheit.

Flexibler Low-Carb-Tag

  • Frühstück: Abgetropfter Joghurt, Walnüsse, Zimt, wenige Beeren.
  • Mittag: Großer Hähnchensalat mit Olivenöl, Zitrone und gekochtem Ei.
  • Abend: Fleisch-Gemüse-Eintopf, grüne Beilage, kleine Portion Hülsenfrüchte oder Buchweizen wenn passend.

Das ist nicht streng ketogen, ersetzt aber Snacks durch Protein, Fett und Ballaststoffe. Schilddrüse, intensives Training, Stillzeit, Gallenblasenprobleme oder Medikamente erfordern Anpassung.

Bei Verstopfungsneigung

  • Frühstück: Eier, grüne Beilage mit Olivenöl, Joghurt mit gemahlenem Leinsamen.
  • Mittag: Gemüse mit Olivenöl, gegrilltes Hähnchen, Wasser und Mineralwasser.
  • Abend: Fisch oder Fleisch, Brokkoli, Zitronensalat.

Wer Fett und Protein erhöht, braucht auch Ballaststoffe, Wasser und Elektrolyte. Sonst kann die Darmbewegung langsamer werden. Mehr dazu: Verstopfung bei Lipödem.

Fett- und Proteinquellen klug wählen

Olivenöl kann das tägliche Hauptfett sein. Avocado, Walnüsse, Mandeln, Haselnüsse, Leinsamen, Chia, Lachs, Sardinen und Makrele passen in den Wochenplan. Butter kann in manchen Plänen maßvoll vorkommen, sollte aber nicht jede Mahlzeit dominieren. Sahne, verarbeitetes Fleisch, Frittiertes, Fertigsaucen und Transfette passen nicht zur anti-entzündlichen Logik.

Protein ist ebenfalls mehr als eine Grammzahl. Eier, Fisch, Geflügel, rotes Fleisch, Joghurt, Kefir und Käse können sinnvoll sein. Kollagen ersetzt aber keine vollständige Proteinquelle, weil das Aminosäuremuster nicht gleichwertig ist. Ergänzungen werden unter Nahrungsergänzungen bei Lipödem erklärt.

Schmerz, Bewegung und Alltag

Lipödem-Schmerz hat mehrere Ursachen: Gewebeempfindlichkeit, Entzündungssignale, Flüssigkeitslast, Druck auf Nervenenden, venöse Begleitprobleme und psychische Belastung. In Low-Carb-Studien kann die Schmerzreduktion nicht immer allein durch Gewichtsverlust erklärt werden (Sørlie et al., 2022; Lundanes et al., 2024a). Mehr dazu: Lipödem-Schmerzen.

Fett und Protein wirken indirekt. Gesunde Fette unterstützen ein ruhigeres Entzündungsmilieu, Protein erhält Muskel und Bewegungskapazität, niedrigere glykämische Last reduziert Insulinschwankungen. Zusammen mit Kompression, Lymphunterstützung und Bewegung wird daraus ein sinnvoller Plan. Siehe manuelle Lymphdrainage und Kompression.

Wer sollte vorsichtig sein?

Nierenerkrankung, fortgeschrittene Lebererkrankung, Gallenblasenprobleme, Schwangerschaft, Stillzeit, aktive Essstörung, Diabetesmedikamente, unkontrollierte Schilddrüsenerkrankung, deutlich erhöhtes LDL oder starke Verstopfung brauchen ärztliche und ernährungsmedizinische Begleitung.

Fazit

Ausreichend Fett und Protein lassen Lipödem nicht verschwinden. Richtig gewählte Fette können aber stabile Energie und Entzündungsmanagement unterstützen; Protein hilft bei Muskulatur, Sättigung, Bewegung und Alltag. Die Aufgabe ist nicht, immer weniger zu essen, sondern den Teller so zu bauen, dass der Körper ihn nutzen kann.

8.5.2026
8.5.2026
Mustafa SAÇAR
Prof.Dr. Mustafa SAÇARKalp ve Damar Cerrahisi UzmanıÖzel Cerrahi Hastanesi, Denizli, TURKEY

Literaturverzeichnis

  1. Faerber, G., Cornely, M., Daubert, C., Erbacher, G., Fink, J., Hirsch, T., Mendoza, E., Miller, A., Rabe, E., Rapprich, S., Reich-Schupke, S., Stücker, M., & Brenner, E. (2024). S2k guideline lipedema. JDDG: Journal der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft, 22(9), 1303–1315. [https://doi.org/10.1111/ddg.15513](https://doi.org/10.1111/ddg.15513)https://doi.org/10.1111/ddg.15513PMID: 39188170
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